| Startseite > News > Aktuelles | Ausdruck |
Früherkennung von Legasthenie bei Babys
"Bei Kindern, die auf Grund ihres Erbguts später von Legasthenie betroffen werden können, reagiert das Gehirn anders auf gehörte Wörter als es sonst der Fall ist: Ein Unterschied, der nun bereits ab dem Alter von anderthalb Jahren entdeckt werden kann." Darauf weist die Forscherin Janne Koss Torkildsen an der Universität Oslo in Norwegen hin.
Kari Andresen, Journalist
Indem Kinder unterschiedlichen Formen von sprachlicher und visueller Stimulanz ausgesetzt wurden, konnte Torkildsen die Gehirnaktivität der Kinder messen.
Torkildsen hofft, dass die Entwicklung neuer Testmethoden dazu beitragen kann, den Kindern frühzeitigere Hilfe anzubieten.
"Die Kinder sehen zum Beispiel das Bild eines Hundes, während sie gleichzeitig das Wort <Banane> hören. Bei normalsprachlichen Kindern resultiert dies in einem kräftigen Sprung der Gehirnaktivität als Reaktion auf diese falsche Verknüpfung. Bei Kindern der Risikogruppe Legasthenie hingegen bleibt diese Reaktion aus."
"Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass legasthene Kinder nicht die Bedeutung des Wortes Banane verstehen, jedoch bearbeiten sie die Sprache anders als ihre gleichaltrigen Normalsprachler", sagt Torkildsen.
(Foto: Annica Thomsson)
Ab dem ersten Jahr
Torkildsens wissenschaftliche Studie deutet darauf hin, dass Kinder mit Legasthenie-Risiko so viel Kraft aufbringen müssen, um die Wörter aus dem mentalen Lexikon aufzurufen, dass dies auf Kosten des Beurteilens, wie das Wort in einen umfassenderen Kontext passt, geschieht – zum Beispiel, ob es die richtige Bezeichnung für ein Bild ist oder nicht.
Frühere Studien mit der gleichen Methode haben gezeigt, dass Kinder mit Legasthenie-Risiko eine abweichende Reaktion auf Laute schon seit der Geburt zeigen; man hat allerdings bis jetzt nicht gewusst, ob dies von Bedeutung für das Kind beim Erlernen des Lesens und Schreibens ist.
Torkildsens Resultate machen deutlich, dass die Schwierigkeiten sich schon viel früher als bisher angenommen bemerkbar machen, dass heißt, wenn die Kinder im Alter von 1 bis 2 Jahren lernen sollen, was Wörter bedeuten.
"Wir wissen bereits, dass je früher einem Kind beim Spracherwerb geholfen wird bzw. bevor die Probleme zu groß werden, es die Sprachprobleme um so leichter überwinden kann."
"Der Vorteil dieser Erkenntnis besteht darin, dass man nun erblich legasthenisch belasteten Kindern helfen kann, bevor die Probleme zu groß werden", so Torkildsen.
(Foto: Annica Thomsson)
Zu spät entdeckt
Zurzeit werden die sprachbedingten Lernschwierigkeiten der Kinder erst dann entdeckt, wenn diese Probleme schon zu ernsthaften Konsequenzen geführt haben.
Einige Kinder erlernen nur problematisch das Reden. Bei anderen tauchen die Probleme erst bei Schulanfang auf, wenn sie anfangen, Lesen und Schreiben zu lernen.
"Typisch ist, dass die Sprachschwierigkeiten eines Kindes nicht beachtet werden, bevor diese sich schon auf andere Art und Weise bemerkbar gemacht haben, zum Beispiel durch problematisches Verhalten oder durch andere psychologische Reaktionen."
"Meine Resultate zeigen, dass es möglich ist, Kinder mit Legasthenie-Risiko weitaus früher zu identifizieren als es heute der Fall ist," erklärt Torkildsen.
Individuelle Profile
"Sprechschwierigkeiten sowie Lese- und Schreibprobleme hängen oft miteinander zusammen. Doch die eigentlichen Ursachen und wie diese zum Ausdruck kommen, variieren von Kind zu Kind."
Torkildsen argumentiert, dass das Erstellen individueller Profile, die die spezifischen Probleme des einzelnen Kindes erfassen, von entscheidender Bedeutung für die sprachliche Entwicklung des Kindes ist.
Mit Hilfe der Resultate ihrer Abhandlung, hofft Torkildsen jetzt, Sprachteste für Kleinkinder und auch vertiefende Interventionsprogramme zu entwickeln.
Sie unterstreicht, dass die Methode ebenso sehr nützlich für das Untersuchen der Sprachaneignung bei Kindern mit normaler Entwicklung ist.
"Generell wissen wir sehr wenig über das Sprachverständnis bei Babys und Kleinkindern, da sie ja nicht mit Hilfe von Interviews oder anderen traditionellen Methoden getestet werden können."
"Die von mir benutzte Technik ermöglicht das Studieren des Verstehensprozesses, ohne dass das Kind selbst etwas sagen oder machen muss", so Torkildsen.
_ _ _
Janne von Koss Torkildsen, Ph.d.: Lexical processing in typically and atypically developing toddlers: Insight from event-related brain potentials, Institut für linguistische und nordische Studien, Universität Oslo
Dieser Artikel ist eine Übersetzung, dessen Original hier anzufinden
ist.
Journalist: Kari Andresen, Fotos: Annica Thomsson
